Mademoiselle Marie

Das junge kreative Magazin

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Nachhaltige Mode – Pose oder Haltung?

 

Demonstration für faire Mode

Was ist los, wenn an einem heißen Donnerstagmittag eine Schar stylisher junger Leute mit Protestplakaten durch die Gegend zieht? Auf den Plakaten steht „Make fashion fair“, „#fairfashionmove“ oder „mit jedem T-Shirt die Welt verbessern“. Einen Lautsprecherwagen haben sie auch dabei, außerdem werden Wasserflaschen, Luftballons und Fächer ausgeteilt und statt einer Abschlusskundgebung gibt es kalte Limo und Häppchen. Eine Wohlfühl-Demo sozusagen. Wäre da nur nicht dieses beklemmende Gefühl, dass es sich dabei eher um ein Werbeevent als um eine politische Veranstaltung handelt. Denn die Demonstration unter dem Aufruf #fairfashionmove, die am 5.7. in Berlin Mitte stattfand, wurde von Hessnatur und der Messe Frankfurt organisiert. Die Wirtschaft fordert also die Wirtschaft auf, sich zu transformieren. Interessant. Will Hessnatur nicht eher seine Glaubwürdigkeit als nachhaltiges Modelabel erhöhen, als die Konkurrenz zur Verbesserung auffordern? Seit mehreren Jahren versucht Hessnatur, das schon 1976 gegründet wurde, sein staubiges Öko-Image abzulegen und jünger und cooler zu wirken. Ähnlich scheint auch die Motivation der Demonstrierenden zu sein: Möglichst viele Fotos und Videos von sich auf der Demo machen, um sich damit in seinen Sozialen Netzwerken präsentieren zu können. Gut aussehen ist hierbei natürlich besonders wichtig.

Was man jedenfalls festhalten kann: Ökologische und faire Mode macht einen Imagewandel durch, schon seit Jahren. Mittlerweile ist es avantgardistisch und anerkannt, sich für Nachhaltigkeit einzusetzten, sowohl als ProduzentIn als auch als KonsumentIn. Dieser Fakt ist bemerkenswert, ganz unabhängig von der Intention der DemoveranstalterInnen, denn er zeigt, dass es mit der Modebranche in die richtige Richtung geht!

Auf dem Messegelände: Häppchen statt Kundgebung

Was hat eigentlich die Messe Frankfurt mit der Sache zu tun? -Sie organisiert zweimal im Jahr im Rahmen der Fashion Week Berlin die Ethical Fashion Show und den Greenshowroom, zwei miteinander verbundene Messen für faire und ökologische Mode. Zusätzlich fand während der Messen dieses Jahr die Nachhaltigkeitskonferenz FashionSustain statt. Dort wurden erfolgreiche Nachhaltigkeitsprojekte aus dem Modebereich vorgestellt, informative Vorträge gehalten und es wurde über Probleme der nachhaltigen Produktion diskutiert. Im Gegensatz zu manchen anderen Veranstaltungen dieser Art schienen die Beteiligten wirklich überzeugt zu sein von dem, was sie sagten. Daher glaube ich auch nicht, dass es sich beim #fairfashionmove um eine reine Werbeveranstaltung handelte. Die AusstellerInnen, mit denen ich sprach und die RednerInnen, denen ich zuhörte, scheinen es langsam verinnerlicht zu haben: Nachhaltigkeit ist die einzige Option. Eine andere gibt es nicht. Wie auf den T-Shirts der MessemitarbeiterInnen stand: Because there is no planet B. Übrigens ein Spruch, der während der UN-Klimakonferenz 2014 entstanden ist.

Oben die FashionSustain, unten der Greenshowroom.

Um -nach eigener Aussage- den Wandel der Modebranche zu unterstützen, haben die Leute, die auch die Ethical Fashion Show und den Greenshowroom organisieren, dieses Jahr „Neonyt, global hub for future fashion and sustainable innovation“ ins Leben gerufen. Ein paar aufschlussreiche Zitate aus der Broschüre, die Neonyt vorstellt:

„Nachhaltigkeit in der Mode ist längst mehr als ein Nice-to-have. Sie ist Synonym für Innovation und Fortschritt und treibt einen Veränderungsprozess voran, von dem sowohl Unternehmen als auch der Mensch und die Umwelt profitieren.“ (Olaf Schmidt, Vizepräsident Textilien, Messe Frankfurt)

„Wir kommunizieren mit ‚grünen‘ Themen innerhalb unserer Textilmessen ja schon eine Weile diese neue, nachhaltige Welt. Doch jetzt, nach circa zehn Jahren, wird diese Welt auch ein ‚Business Case‘ und ist kein einfacher Trend mehr, auf den man aufspringt. Er ist ein Must, eine klare Marschrichtung. Und er geht auch nicht mehr weg.“ (Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt und Marketing Director Messe Frankfurt)

„Irgendwann darf die Nachhaltigkeit eben kein eigenes Thema mehr sein. Sie muss selbstverständlich sein. (…) Wir müssen uns um unsere Ressourcen kümmern, denn um es kurz zu machen: Wenn keine Krokodile mehr leben, können wir auch keine Krokoledertaschen mehr herstellen.“ (Magdalena Schaffrin, Creative Director Neonyt, Mitgründerin Greenshowroom)

Ja, Leute, schön, dass ihr das auch so seht. Dann hoffen wir mal, dass nicht nur geredet wird, sondern ihr euch auch an die Postkartensprüche haltet, die ihr so gern unter eure Posts zum Thema #fairfashionmove schreibt: The world of fashion needs a change. Now.

Und wie du selbst auch teil dieser Veränderung werden kannst, liest du demnächst hier. Es ist ganz leicht!

Bald ist es so weit!

Und dann kommt endlich eine neue Ausgabe heraus, Nummer 11! Dieses Mal geht es unter anderem um das Leben in der Stadt. Für alle LiebhaberInnen des Analogen: Bestellt euch jetzt schon ein Heftchen, dann wissen wir, wieviele gedruckt werden können. Wie immer für vier Euro pro Heft. (mlle-marie@gmx.de)

Vielen Dank und herzliche Grüße,

Mademoiselle Marie

Eine literarische Entdeckung zum Thema Mode

Dieses Gedicht habe ich in einem alten Lyrik-Sammelband gefunden und bin so begeistert, dass ich es euch dringend zeigen muss! Es ist von Rudolf Baumbach (1840-1905) und wurde 1904 veröffentlicht. Sehr modern!

Liebchen

Liebchen heut in Gesellschaft geht,
Zeigt sich in raschelnder Seide,
Fragt mich, wie ihr das Hütchen steht
Und die Schleppe am Kleide.

Wie ich die schlanke Jugendgestalt
Must’re mit prüfenden Blicken,
Rieselt ein Schauer mir eisig kalt
Plötzlich hinunter den Rücken.

Alles, vom Stiefelchen bis zum Hut
Sitzt dir wie angegossen,
Aber wie viel unschuldiges Blut
Ist um dich, Teure, geflossen!

Seidenwürmer wohl tausend und mehr
Mussten ihr Leben lassen
Für den Stoff, den du hinter dir her
Schleppst durch die staubigen Gassen.

Für dein zierliches Stiefelpaar
Musste ein Kälbchen verenden,
Und Hermeline, ein Dutzend gar,
Mussten die Fellchen dir spenden.

Deine Handschuhe, glatt und weich,
Gab dir ein blökendes Lämmlein,
Und die Schildkröt’ im kühlen Teich
Lieferte dir das Kämmlein.

Walfisch schwamm im eisigen Meer
Fröhlich hin und wieder.
Stirb und gib dein Fischbein her!
Liebchen braucht es für’s Mieder.

Pfeilgetroffen ein Elefant
Musste im Urwald erblassen.
Hat für den Fächer in deiner Hand
Leben und Zähne gelassen.

Sterbend gab dir der Wüstenstrauss
Wallende Federn als Steuer. –
Trinke auch mir die Seele aus,
Reizendes Ungeheuer!

 

Viel Glitzer, wenig Neues – ein Trendreport

Wieso interessiert sich so ein Heft wie Mlle Marie eigentlich für Trends? Was ist mit der angepriesenen Unabhängigkeit? -Gute Frage! Aber frau erkennt, sich für ihr Umfeld interessierend, unweigerlich gewisse Entwicklungen, ob sie einer gefallen oder nicht. Vor allem, wenn frau geballt zu sehen bekommt, was in Zukunft voraussichtlich beliebt sein wird. So wie auf der Premium, einer großen Modemesse, die zuletzt während der Fashion Week Berlin im Januar stattfand.

Hauptsache glitzernd!

Was sich im letzten Jahr abgezeichnet hat, wird weitergeführt. Das große Thema scheint Luxus zu sein. Viele Labels werden nicht müde, Glitzer in allen Formen und Farben über ihre Kollektionen rieseln zu lassen. Der Glanz setzt sich fort in spiegelnden Oberflächen, beispielsweise in metallisch glänzenden Jackenstoffen. Die gehen dann eher in die sportliche Richtung, während das Klassisch-Luxuriöse sich in Samt und Seide materialisiert. Samt ist im letzten Jahr sowieso schon zum Lieblingsmaterial für alles und jeden avanciert (zu Recht!), Seide lässt sich gut mit dem neuen Pyjama-Style verbinden. Um den auszuleben, muss es aber noch etwas wärmer werden…bis dahin empfiehlt dir die Modeindustrie hochgeschlossene Blusen mit vielen Rüschen und Schleifenbändern am Kragen. Darüber dann noch einen der -leider!- modischen Pelzmäntel. Echter Pelz ist nicht nur unter TierschützerInnen in Verruf geraten, darum Kunstpelz, und wenn schon, denn schon; stellen wir den Pelz eben in hellblau-gelb-gescheckt her, für die Vintage-Fans auch in Brauntönen. Naja. Mir persönlich gefallen die Applikationen und Broschen mit Insektenmotiven, vor allem Bienen, besser. Sie lösen nicht nur einen kindlichen Schlüsselreiz aus, sondern können auch als Protest gegen das Bienensterben gedeutet werden. Das Ärgerliche ist nur, dass ich mir jetzt nicht auch einfach so ein Teil basteln kann, weil ich dann zu den Leuten zählen würde, die Trends befolgen. Es ist kompliziert…

Damit die Insekten nicht verhungern, gibt es viele Blumenmuster, die überraschend geschmackvoll wirken. Eher abstrakt und reduziert, in angenehmen Farben. Außerdem sind insgesamt viele Stoffe mit großflächigen Prints zu sehen, die z.B. Stein-Strukturen imitieren, ein aufregender Kontrast zwischen Schein und Sein.

Natürlich sind das nur ein paar Trends, die Mlle Marie aufgefallen sind, es gibt sicher auch ganz andere Entwicklungen, die ihr komplett entgangen sind. Wir müssen Trends nicht befolgen, aber wir dürfen sie  beachten. Denn Trends sagen viel über die Gesellschaft aus, in der wir leben. Wieso beispielsweise ist Luxus ein Thema, dem so viel gestalterische Aufmerksamkeit zuteil wird? Ist es die Sehnsucht nach Aufstieg, wenn frau sich den bestickten Seidenblouson für zwanzig Euro bei, sagen wir mal, Zara kauft? Ist es die Reaktion auf die ständige Umverteilung in die falsche Richtung, also von unten nach oben? Die Armen trösten sich mit einem Fitzelchen Pannesamt, während die Reichen eingekleidet werden, um sich wie KönigInnen zu fühlen…Vielleicht suchen wir auch Zuflucht in Modeträumen aus der Vergangenheit, um nicht den rauer werdenden Verhältnissen in der Gegenwart ins Auge sehen zu müssen. Vielleicht versuchen wir aber auch im Gegenteil, mit unserer Glitzer-Tube die Welt ein bisschen schöner zu machen. Glitzer in der Männermode hätte zudem einen Befreiungs-Aspekt, aber leider taucht das Glitzer bisher vor allem bei den Frauen auf. -Welche Entwicklungen beobachtest du? Deutest du das ganz anders? Welcher Trend wäre dringend nötig? Geht das, einen Trend selbst beginnen?